Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ:
Von Jochen Remmert
01. Dezember 2008:

Rekord: noch im April waren an dieser Stelle nur weiße Striche zu sehen, die den Grundriss des neuen Waisenhauses markierten. Nun sind die Kinder eingezogen und können das Weihnachtsfest in ihrem neuen Haus feiern.
Es ist noch früh am Morgen, doch die Kinder springen schon aufgeregt durch die alten Baracken, in denen sie gerade zum letzten Mal die Nacht verbracht haben. Sie wissen, dass das kein gewöhnlicher Tag ist. In wenigen Stunden werden sie in das neue Haus des Mothers’ Mercy Home in Kiambu nordöstlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi einziehen.
Mit dabei sind Elisabeth, Peter und der kleine Eli, drei der 84 im Mothers’ Mercy Home lebenden Aidswaisen, die selbst bei der Geburt mit dem Virus infiziert wurden. Für sie ist es besonders wichtig, dass in dem Neubau auch eine Medizinstation untergebracht ist, denn sie sind auf eine genau abgestimmte Medikamentengabe angewiesen. Gelingt sie, haben diese Kinder eine genauso hohe Lebenserwartung wie die nicht infizierten Mädchen und Jungen im Heim. Ohne die Therapie würden Elisabeth, Peter und Eli wahrscheinlich bald an den Folgen der Immunschwächekrankheit sterben.
Sicherheit und Geborgenheit zurückgeben
Dass die 84 Aidswaisen aus den Baracken künftig sicher in einem festen Steinhaus wohnen können, das mit hellen Vierbettzimmern, fließend Wasser, Duschen, Krankenzimmern und einer Medizinstation ausgestattet ist, verdanken sie vor allem einem Mann, Fokko Doyen. Als der Flottenchef der Lufthansa Cargo AG vor rund zehn Jahren vom Schicksal der rund 1,7 Millionen Aidswaisen in Kenia Näheres erfuhr, entschloss er sich zu helfen. Zusammen mit Mitstreitern wie dem ehemaligen Chefarzt Sven Sievers gründete er die Hilfsinitiative Cargo Human Care. Dabei ging es zunächst einmal darum, den ehrenamtlichen Einsatz von deutschen Fachärzten in Buru Buru, einem von zwanzig Armenvierteln in Nairobi, zu organisieren. Alsbald kam die Idee hinzu, die Blechbaracken des Waisenhauses, das die Anglikanische Kirche nur mit dem ehrenamtlichen Einsatz der „Mothers“, der Frauen aus den Gemeinden, betreiben kann, mit einem Neubau und medizinischen Einrichtungen auszustatten. Dass dieser Traum des Flugkapitäns nun Wirklichkeit werden konnte, ist vor allem den Lesern dieser Zeitung zu verdanken, die bereitwillig spendeten, um diesen Kindern etwas von der Sicherheit und Geborgenheit zurückzugeben, die sie mit dem Tod ihrer Eltern verloren haben.
Diözesanbischof Timothy R. Mbuthia von der Anglikanischen Kirche von Kenia ließ bei der Eröffnung des Hauses keinen Zweifel daran, dass es seiner Kirche ohne die Hilfe aus Deutschland nicht möglich gewesen wäre, ein solches Haus zu bauen. Dennoch will auch die Diözese Mount Kenia South ein Viertel der Baukosten von rund 200.000 Euro aufbringen.
Engagierte Helfer

Umzugshelfer: F.A.Z.-Herausgeben Werner D'Inka und Lufthansa-Cargo-Flottenchef Fokko Doyen waren die Ersten, die die Kinder in ihren neuen Zimmern besuchten.
Werner D’Inka, Mitherausgeber der F.A.Z., wies bei der Eröffnungsfeier darauf hin, dass es trotz der bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die Kenia seit Anfang des Jahres tief erschütterten, in Rekordzeit gelungen sei, das Projekt in die Tat umzusetzen. Tatsächlich begannen im April dieses Jahres die Bauarbeiten, obwohl Präsident Mwai Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga im Streit um die Macht nach den Präsidentenwahlen vom Dezember große Teile des Landes in blutige Unruhen gestürzt hatten, die rund 1700 Menschen das Leben kosteten. Rund 300.000 Kenianer waren zeitweise auf der Flucht. Noch im März hatten etwa 60.000 Männer Frauen und Kinder in nächster Nähe des Mothers’ Mercy Home in einem Flüchtlingslager Schutz vor marodierenden Banden gesucht.
Doch auch die Unruhen brachten den Zeitplan des Projekts im Mothers’ Mercy Home nicht ins Wanken. Das dürfte auch dem Einsatz von Corinna Röhricht von Cargo Human Care zu verdanken sein. Die bislang im Controlling der Lufthansa Cargo tätige Röhricht übernahm die Federführung des Bauprojekts und sorgte auf etlichen Reisen nach Nairobi in Zusammenarbeit mit der Anglikanischen Kirche dafür, dass alle Arbeiten im Zeitplan erledigt wurden – ungeachtet aller Wirren. Funktionieren konnte und kann das Projekt des Vereins Cargo Human Care aber nur, weil sich auch der Vorstand der Lufthansa-Frachttochter hinter das Engagement gestellt hat und nach wie vor die ehrenamtlich tätigen Ärzte und Helfer unentgeltlich nach Kenia und zurück transportiert. Dass Karl-Heinz Köpfle, Vorstand Operations, eigens für die Eröffnung des neuen Mothers’ Mercy Home mit nach Kenia gereist war, ist als Zeichen zu werten, dass die engagierten Helfer auch künftig mit dieser Unterstützung rechnen können.
Beruf erlernen
Die haben schon ein neues Projekt ins Auge gefasst, bei dem sie im Mothers’ Mercy Home helfen wollen: Es geht darum, neben dem neuen Haus ein Grundstück zu erwerben und darauf eine Lehrwerkstatt zu bauen. Bischof Timothy R. Mbuthia will so den Schützlingen des Waisenhauses die Chance geben, einen Beruf zu erlernen. „Es ist gut, den Kindern Essen, Schutz und Geborgenheit zu geben, aber es ist genauso wichtig, sie in die Lage zu versetzen, sich einmal selbst ernähren zu können“, sagt er.
Den gesammten Bericht mit noch mehr Bildern hier als PDF.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes
Die FAZ hat auf ihrer eigenen Website auch eine Bildergalerie zur Eröffnung.
Von Jochen Remmert
23. April 2008:
Damit Krebskranke wieder Mut fassen und Waisenkinder in Nairobi eine bessere Zukunft haben können, haben Leser dieser Zeitung 655000 Euro gespendet.
„Das ist eine grandiose Summe“, sagte Herausgeber Werner D'Inka zum Abschluss der jüngsten Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Er dankte allen Spendern und den beiden Organisationen, für die seit Oktober 2007 Geld gesammelt worden war, für ihr „bürgerschaftliches Engagement“.
Dem Dank an die Leser schlossen sich die Onkologin Elke Jäger von der Stiftung „Leben mit Krebs“ sowie Fokko Doyen und Sven Sievers vom Verein „Cargo Human Care“ an. Der Verein ist eine Gründung von Frachtpiloten der Lufthansa und deutschen Ärzten; Doyen ist Flottenchef der Lufthansa Cargo AG, Sievers ist pensionierter Chefarzt und Gynäkologe. Vor allem diese beiden Männer haben das Projekt vorangetrieben, das mit dem Geld der F.A.Z.-Leser verwirklicht werden kann: ein neues Waisenhaus in Kenias Hauptstadt Nairobi und eine bessere medizinische Versorgung für die Kinder, deren Eltern zumeist an Aids gestorben sind. Vor wenigen Tagen konnte der Grundstein für das Haus gelegt werden, das an die Stelle der bisherigen Wellblechhütten tritt und in dem einmal rund 130 Kinder wohnen sollen. „Spätestens zum Jahresende wird das neue Haus fertig sein“, sagte Doyen. Dort wird es eine medizinische Station mit einer kleinen Apotheke geben. Wie Sievers hervorhob, wird künftig aber auch eng mit einem nahe gelegenen Krankenhaus kooperiert. Der Verein ermöglicht es deutschen Ärzten verschiedenster Disziplinen, regelmäßig in Frachtflugzeugen der Lufthansa nach Nairobi zu fliegen, um dort zu helfen.
Wie Doyen und Sievers dankte auch Elke Jäger, Chefärztin für Onkologie am Frankfurter Nordwestkrankenhaus und Mitbegründerin der Stiftung „Leben mit Krebs“, den Spendern für die „großzügige Unterstützung“. Nun könne die Stiftung ihr Programm zur Unterstützung Krebskranker ausbauen. Grundanliegen der Organisation ist, Patienten wieder Mut und Selbstvertrauen zu geben. „Die Diagnose ,Krebs' wird oft wie ein Todesurteil empfunden. Dabei gibt es inzwischen wesentlich bessere Behandlungsmöglichkeiten“, hob Jäger hervor. Um die „Gedankenwelt aufzubrechen“, in der sich Krebspatienten oft befänden, setze die Stiftung auf sportliche Betätigung, die Auseinandersetzung mit Kunst und die Möglichkeit, auch als Schwerkranker wieder in Urlaub fahren zu können, ohne Angst haben zu müssen. Dabei arbeitet die Stiftung eng mit Kunsttherapeuten im Städel, Sportmedizinern im Rhein-Main-Gebiet und Fachärzten in mehreren Urlaubsregionen zusammen. Vor allem die Nachfrage nach den Reisen und der Beschäftigung mit der Kunst steige, sagte die Ärztin. Bereits 400 Patienten seien sportmedizinisch betreut worden. Bekanntestes Projekt der Stiftung ist „Rudern geben Krebs“ mit Regatten auf dem Rhein. „Nun können wir weitere Sportarten anbieten“, so Jäger.
Wie in jedem Jahr, so werden die Spenden der Leser auch dieses Mal den Hilfsorganisationen ohne jeden Abzug für Verwaltungskosten zugeleitet. (toe.)
Von Jochen Remmert
23. April 2008:

Die Physiotherapeutin Veronika Rabe-Sievers untersucht den kleinen Waisenjungen Eli.
Blaue Kleider mit weißen Kragen für die Mädchen, blau-weiße Hemden und blaue Hosen für die Jungen: Die 90 Kinder sind an diesem sonnigen Tag kurz vor Beginn der kenianischen Regenzeit fein herausgeputzt. Ihren unbändigen Drang, sich beim Ballspielen auszutoben oder nach der Musik aus einem Radio zu tanzen, bremst das nicht. An diesem Apriltag schon gar nicht, den es ist ein Tag besonderer Freude für die Aidswaisenkinder des „Mothers` Mercy Home (MMH)“, ihre Betreuer und auch für ihre Unterstützer aus Deutschland. Sie alle können den Beginn der Bauarbeiten für das neue Zuhause der Kinder am Rande der kenianischen Hauptstadt Nairobi feiern, obwohl das ostafrikanische Land kurz zuvor noch von schweren politischen Unruhen erschüttert worden ist. Doch die blutigen Auseinandersetzungen nach der umstrittenen Präsidentenwahl vom Dezember, bei denen mehr als 1200 Menschen getötet und mehrere hunderttausend Männer, Frauen und Kinder aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, haben das Waisenhaus am nördlichen Rand der Hauptstadt nicht erreicht.
Der Zeitplan, den die Verantwortlichen der deutschen Hilfsinitiative Cargo Human Care, eine Gründung von Frachtpiloten der Lufthansa und deutschen Ärzten, für den Bau eines großen Steinhauses als Ersatz für die Wellblechbaracken des Heims aufgestellt haben, hat nach wie vor Bestand.
Noch etwas mehr als alle anderen Männer und Frauen, die sich für das Projekt engagieren, freut sich darüber einer: Fokko Doyen. Der Chefpilot der Lufthansa Cargo AG ist Vorsitzender von Cargo Human Care, er hat die Hilfsinitiative mit in-itiiert. Anfangs ging es vor allem darum, fachärztliche Hilfe für ein SOS-Kinderdorf zu organisieren und für die Einwohner des nahen Buru Buru Slums, eines von rund zwanzig Elendsvierteln rund um Nairobi. Doch schon vor fünf Jahren war Doyen zum ersten Mal ins „Mothers` Mercy Home (MMH)“ gekommen, wo Kinder, denen die Immunschwächekrankheit die Eltern und das Zuhause genommen hat, ein - wenn auch kärgliches - Heim in Wellblechbaracken gefunden hatten. Seither hat den Vater dreier Kinder die Idee nicht mehr losgelassen, diesen Kindern ein festes Haus zu bauen und eine bessere Versorgung für sie zu organisieren.

Neben den alten Wellblechhütten des “Mother´s Mercy Home” entsteht der Neubau
Der Plan, auf der täglichen Frachtroute der Lufthansa von Frankfurt nach Nairobi und weiter nach Johannesburg, die freie Zeit während der Zwischenstopps dafür zu nutzen, den Aidswaisen zu helfen, funktionierte von Anfang an nur, weil auch der Vorstand der Cargo-Fluggesellschaft mitzog. Ohne das Einverständnis, Ärzte, Spenden und medizinisches Gerät unentgeltlich mitzunehmen, wäre das Projekt so nicht möglich, die Kosten viel zu hoch gewesen. Auch deshalb gehört am Tag des Baubeginns Andreas Otto, Vertriebsvorstand der Lufthansa Cargo, zu den Ehrengästen der Feier. Dass aber nun aus Wellblechbaracken ein modernes Heim mit festen Wänden und eigenem kleinen Medizinzentrum inklusive Apotheke entsteht, ist erst durch die Spenden der Leser dieser Zeitung möglich geworden.
Die inzwischen rund 90 Jungen und Mädchen, die von Helfern der anglikanischen Kirche von Kenia betreut werden, sollen das nächste Weihnachtsfest in diesem Jahr schon im neuen Haus feiern können, wie Corinna Röhricht, die das Projekt bei Cargo Human Care koordiniert, sagt. Wenn das Haus erst steht, werden dann sogar 128 Mädchen und Jungen im „Mothers` Mercy Home (MMH)“ Platz finden. Nach Geschlecht getrennt, werden sie auf zwei Stockwerken jeweils in Acht-Bett-Zimmern wohnen. Außerdem ist je ein Krankenzimmer im Jungen- und eines im Mädchentrakt vorgesehen. Zwei kleine Wohnungen für die „Mothers“ genannten Betreuerinnen soll es auch geben, wie Röhricht erläutert, die beruflich im Controlling der Lufthansa Cargo arbeitet. Von der Medizinstation sollen einmal nicht nur die Kinder, sondern auch die Bewohner der Areals rund um das Heim profitieren.

Die Waisenkinder freuten sich über das Festmahl anlässlich der Grundsteinlegung
Dass das Projekt, trotz des brutalen Machtkampfs, nicht verzögert wurde oder gar ganz scheiterte, ist vor allem der Kooperation mit der anglikanischen Kirche von Kenia zu verdanken. Diözesanbischof Timothy R. Mbuthia und seine Mitarbeiter haben es geschafft, alle bürokratischen Hürden aus dem Weg zu räumen, von denen es in Kenia auch ohne politische Unruhen viele gibt, die für Ausländer kaum oder nur mit immensen Kosten zu überwinden sind.
Allein zum Feiern nach Kenia zu reisen, das ist allerdings nicht die Sache der Cargo-Human-Care-Leute, schon gar nicht die des ärztlichen Leiters Sven Sievers. Und so hat er diesmal seine Frau, die Physiotherapeutin Veronika Rabe-Sievers, mitgebracht. Zusammen haben die beiden innerhalb weniger Tage von jedem Kind des Heims eine Patientenakte angelegt und die Krankheiten bis hin zur HIV-Infektion erfasst. Und noch am Tag der Feier nutzen die beide die Gelegenheit, einige Jungen und Mädchen dem Kinderarzt Jürgen Bausch vorzustellen, um fachärztlichen Rat einzuholen. Bausch gehört wie Sievers zum Vorstand der Hilfsorganisation.
Für den Fall, dass Operationen und andere schwierigere medizinische Hilfsleistungen notwendig werden, hat Sievers inzwischen auch schon eine Kooperation mit dem nahen Nazareth Hospital angebahnt. Das Krankenhaus verfügt, wie Sievers berichtet, nicht nur über eine moderne Chirurgie, sondern auch über eine Station und das Knowhow für die Behandlung von HIV-Patienten, von denen es in Kenia Zehntausende gibt - einige auch unter den Kindern im „Mothers` Mercy Home (MMH)“.
© F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes, Druckversion als PDF
Von Jochen Remmert
26. Februar 2008:

Oberhalb des Kuhgatters soll der Neubau mit Platz für mehr als 120 Kinder, einer Medizinstation und Apotheke entstehen
Die Kinder in Wellblechhütten des „Mothers` Mercy Home (MMH)“ lachen beim Spielen nicht weniger herzlich als früher. Doch seit das umstrittene Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Kenia zu tausendfachem Mord und hunderttausendfacher Flucht geführt hat, ist das Land rund um das Aids-Waisenhaus, das in Limuru nördlich der Hauptstadt Nairobi liegt, nicht mehr dasselbe.
Kaum eine Stunde Autofahrt in Richtung Norden entfernt liegt eines von drei großen Flüchtlingslagern in der Region. Je 20.000 Flüchtlinge haben in den Lagern Zuflucht gefunden, berichtet Timothy R. Mbuthia, Diözesan-Bischof der anglikanischen Kirche in der Region Mount Kenia South. Unter den Flüchtlingen seien viele schwer traumatisierte Frauen, die erst den Mord an ihren Männern mitansehen mussten und anschließend von den Mördern vergewaltigt wurden.
Doch die Agitatoren der um die Macht konkurrierenden Politiker – Präsident Mwai Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga – haben nicht in allen Teilen des Landes gleichermaßen blutige Gemetzel ausgelöst. Im Rift Valley, das nördlich des Waisenhauses beginnt, schon – doch bis hinunter nach Limuru reichte die Welle der Gewalt nicht. Die 84 Kinder vom „Mothers` Mercy Home (MMH)“ und ihre Betreuer blieben verschont.
Hilfsprojekt ungefährdet
Und auch das von der Hilfsorganisation „Cargo Human Care“ initiierte Projekt, die Wellblechhütten durch ein modernes großes Gebäude mit Medizinstation und kleiner Apotheke zu ersetzen, das die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum großen Teil finanzieren, ist nach der derzeitigen Lage ungefährdet. Nicht einmal der Zeitplan ist ins Wanken geraten. Das haben Vorstandsmitglieder der von Lufthansa-Cargo-Mitarbeitern und deutschen Ärzten initiierten Hilfsinitiative bei ihrem jüngsten Besuch erfahren. Mitbegründer und Vereinsvorstand Fokko Doyen, der ärztliche Leiter Sven Sievers und die Projektkoordinatorin Corinna Röhricht trafen sich im Waisenhaus mit Bischof Timothy als Vertreter des kirchlichen Trägers und dem Architekten und Projektentwickler Citan Mungai.
Was angesichts bürgerkriegsähnlicher Zustände in Teilen des Landes kaum zu hoffen war, haben die Projektverantwortlichen in Kenia doch geschafft: Die Baugenehmigung für das Haus mit Schlafplätzen für 128 Kinder ist erteilt, die öffentliche Ausschreibung vollzogen und entsprechende Angebote eingegangen. In dieser Woche werden nun unter Aufsicht des Diözesan-Verwaltungsrates der anglikanischen Kirche die eingereichten Kalkulationen der Unternehmen geöffnet. Das strikte Verfahren soll der in Kenia allenthalben präsenten Korruption keine Chance lassen, wie Bischof Timothy sagt. Es folgt eine intensive Prüfung der einzelnen Angebote; die drei besten wird dann Projektkoordinatorin Röhricht durchsehen, bevor sie diese dem Vorstand der Initiative zur Entscheidung vorlegt. Die in den eingereichten Angeboten enthaltenen Preise sind für die nächsten 90 Tage nach Einsicht gültig, wie Mungai sagt.
Innerer Frieden ist Generationenaufgabe

Lagebesprechung: Die Planungen von Fokko Doyen, Bischof Timothy, Corinna Röhricht und Sven Sievers (von links nach rechts) für den Neubau sind schon weit gediehen
Dass ein Wiederaufflammen der Gewalt das Projekt oder dessen zeitlichen Ablauf doch noch in Gefahr bringen könnte, glaubt der Architekt nicht. Er betreue auch ein großes Projekt des Konsumgüterkonzerns Unilever, bei dem es ebenfalls keinerlei Schwierigkeiten und auch keinen Zeitverzug gegeben habe.
Mungai ist sich zudem ziemlich sicher, dass die mächtigen Politiker des Landes nun alles daransetzen werden, Hass und Gewalt, die ihre Anhänger mit Hetzkampagnen und Landversprechen vor allem in den Armenvierteln geschürt haben, wieder einzudämmen. Denn das Ausmaß der Gewalt und der Grausamkeiten habe die politische Elite des Landes selbst entsetzt, sagt der Architekt. Der Druck der Vereinten Nationen und der Vereinigten Staaten täten ein Übriges, um in Kenia den inneren Frieden wiederherzustellen.
Das allerdings hält Bischof Mbuthia für eine Generationenaufgabe. Denn der Grund, warum die Mischung aus Versprechungen und Hetze gegen jeweils andere Ethnien überhaupt derart verhängnisvoll fruchten konnte, sieht er in Verwerfungen innerhalb der kenianischen Gesellschaft, die noch aus der erst 1963 beendeten britischen Kolonialherrschaft rührten. Die Landnahme durch Großgrundbesitzer im Zuge der Kolonialisierung sei bis heute nicht geheilt, die weißen Herren seien lediglich durch einige begünstigte Kenianer ersetzt worden. Die Zwangsumsiedlungen eines Großteils der Kikuyu-Volksgruppe nach der Niederschlagung der Mau-Mau-Rebellion habe zudem die unheilvolle Grundlage für die ethnische Hetze der vergangenen Monate gelegt. Trotzdem ist auch Bischof Timothy zuversichtlich, dass am 11. April der Grundstein für den Bau des neuen Waisenhauses im Norden Nairobis „als ein Zeichen der Hoffnung“ gelegt werden kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes .
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Von Jochen Remmert
19. Dezember 2007:

Bekommen bald mehr Platz: Waisen im „Mothers` Mercy Home (MMH)“ in Nairobi
Ein Dutzend eiserne Doppelstockbetten stehen in der schmalen Wellblechbaracke. Alles Private muss in einer blauen Kiste Platz finden, die tagsüber auf dem Fußende jedes Bettes steht. Kein Schrank, kein Spind, kein Nachttisch, dafür ist weder Platz noch Geld da im „Mothers` Mercy Home (MMH)“. Doch für Eli, Peter, Elisabeth, John und die anderen der 84 Kinder, die in dem Aidswaisenhaus am nördlichen Rand der kenianischen Hauptstadt Nairobi leben, ist die karge Unterkunft ein Glück.
Denn hier haben sie ein Zuhause und die Geborgenheit gefunden, die sie entweder nie gekannt oder mit dem Aidstod ihrer Mütter und Väter verloren hatten. Bald werden nicht nur diese Kinder, sondern noch mehr als vierzig weitere unter dem Schutz der Betreuerinnen leben können: Statt der Wellblechbaracken sollen noch vor dem nächsten Weihnachtsfest Häuser aus Stein auf dem Gelände stehen.
Korruption soll verhindert werden
So jedenfalls haben es die Initiatoren des Hilfsprojekts „Cargo Human Care“, Piloten der Lufthansa Cargo und Ärzte aus Deutschland, zusammen mit den Betreuerinnen des Heims und der anglikanischen Kirche Kenias geplant. Die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung helfen mit ihren Spenden dabei, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Für „Cargo Human Care“ hat inzwischen Corinna Röhricht die Federführung übernommen, was die Planung des Baus und die Ausschreibung in Kenia betrifft. Die promovierte Geologin ist afrikaerfahren und auch mit dem Thema Kostenkontrolle bestens vertraut, denn sie arbeitet bei der Frachtfluglinie der Lufthansa im Controlling.
Um ein solches Projekt planerisch auf die Beine zu stellen, braucht es schon einige Arbeitsbesuche und etliche Gespräche mit kenianischen Bauunternehmern, Architekten und Behörden. Vor wenigen Wochen ist Röhricht nun wieder für fünf Tage im „Mothers` Mercy Home (MMH)“ zu Besuch gewesen. Zusammen mit Heimleiterin Paula N. Karanja und Timothy Ranji, dem Bischof der Diözese Mount Kenia South der anglikanischen Kirche, arbeitete Röhricht die Pläne so weit aus, dass die Ausschreibungen eingeleitet werden und die Baugenehmigung beantragt werden kann.
Wie Bischof Timothy erläutert, werden bei sämtlichen Projekten der anglikanischen Kirche in Kenia Ausschreibungen nach strikten Regeln vollzogen, was Korruption verhindern soll. Das gelingt dem Bischof zufolge dadurch, dass die Angebote, die auf die in Zeitungen veröffentlichten Aufträge eingehen, alle zur selben Zeit geöffnet werden – vom Aufsichtsrat der Kirche, der dann unmittelbar über die Vergabe entscheidet. In dem Gremium seien Rechtsanwälte, Kaufleute und andere in geschäftlichen Dingen erfahrende Männer und Frauen vertreten.
128 Schlafplätze sind vorgesehen
Vor allem um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten, sah ein früher Plan vor, die Kinder in dem zweistöckigen Haus in Schlafräumen mit jeweils 16 Betten unterzubringen – wie dies bislang Standard in ähnlichen Einrichtungen in Kenia ist. Dann aber, so berichtet Röhricht weiter, sei die Entscheidung gefallen, kleinere Zimmer für jeweils vier Kinder zu bauen. „Im Hinblick darauf, dass wir ja ein Zuhause und nicht eine Schule planen, war uns wichtig, dass die Kinder auch eine kleine Privatsphäre entwickeln können.“ Nun sind 128 Schlafplätze in Vierbettzimmern vorgesehen. Im neuen „Mothers` Mercy Home (MMH)“ soll jedes Kind auch einen Schrank bekommen.
Erstmals wird es für sie auch moderne und genügend Sanitärräume geben – außerdem je ein Krankenzimmer für Jungen und Mädchen mit jeweils zwei Betten und separater Toilette. Für die Betreuerinnen – die „Mothers“ – wollen die Planer je eine Wohnung im Jungen- und eine im Mädchentrakt bauen. Der vorgesehene Gemeinschaftsraum ist so konzipiert, dass er später mit Computerarbeitsplätzen ausgestattet werden kann. Eine kleine Bibliothek soll dort ebenfalls Platz finden.
Von Beginn an hat Sven Sievers, medizinischer Leiter des Hilfsprojekts „Cargo Human Care“ und ehemaliger Chefarzt, dafür plädiert, im „Mothers` Mercy Home (MMH)“ eine kleine Medizinstation einzurichten, um die Kinder behandeln zu können und auch die Kranken aus den nahen Armenvierteln. Auch diese ist nun beschlossene Sache, wie Corinna Röhricht berichtet. Der Standort auf dem Areal ist so gewählt, dass die von außerhalb kommenden Patienten nicht das Gelände des Kinderheims betreten müssen, sondern von der Straße aus direkt zu Wartezimmer, Behandlungsraum und Medikamentenausgabe gelangen. Vorgesehen sind auch ein Sicherheitszaun und eine Bewachung, denn das „Mothers` Mercy Home (MMH)“ ist umringt von großer Armut und einem stetigen Kampf ums tägliche Auskommen, der auf kleine Aidswaisen oft keine Rücksicht nimmt.
Text und Bildmaterial: F.A.Z., Druckversion als PDF
Von Jochen Remmert
30. November 2007:

Menschlichkeit als Zuladung: Die Lufthansa transportiert täglich Fracht nach Afrika
Eunice Njambi reißt die Arme hoch und ruft jauchzend „Fokko!“ Die kräftige Frau herzt den hochgewachsenen Mann aus Deutschland minutenlang. Das macht die Köchin im Mothers` Mercy Home (MMH) immer, wenn der Flottenchef der Lufthansa Cargo AG, Fokko Doyen, das Waisenhaus in einem Armenviertel am nördlichen Rand der kenianischen Hauptstadt Nairobi besucht.
Nicht bloß, weil Doyen und seine Mitstreiter der Hilfsinitiative Cargo Human Care die Wellblechbaracken des Heims durch feste Steinhäuser ersetzen und eine Medizinstation bauen wollen. Die Lufthanseaten und Ärzte aus Deutschland haben der Mutter dreier Kinder auch helfen können, als sie selbst in bedrohlicher Lage war, wie Sven Sievers, ehemaliger Chefarzt und ärztlicher Leiter der Initiative, berichtet. Der Gynäkologe hatte bei der inzwischen rund 50 Jahre alten Frau einen Unterbauchtumor diagnostiziert – und Cargo Human Care hat dann für eine Operation im Kenia Hospital gesorgt.
„Wer kein Geld hat, stirbt schnell in Kenia“
Möglich war die Untersuchung überhaupt nur deshalb, weil die Initiative aus Deutschland sich nicht nur um den Neubau des Waisenhauses kümmert, bei dem die Leser der F.A.Z. mit Spenden helfen, sondern auch fachärztliche Hilfe für Menschen aus den Armenvierteln Nairobis organisiert. Die ist in Kenia teuer und für die Bewohner der riesigen Wellblechhüttensiedlungen, von denen es alleine rund um die Hauptstadt fast zwei Dutzend gibt, nicht zu finanzieren. „Wer kein Geld hat, stirbt schnell in Kenia“, sagt Sievers. Zurzeit organisiert die Hilfsinitiative etwa alle vier Wochen einen Besuch deutscher Fachärzte in Nairobi. Die Mediziner arbeiten drei oder vier Tage unentgeltlich in einem kleinen „Medical Centre“ am Rande des Elendsviertels Buru Buru.
Da das Waisenhaus „Mothers` Mercy Home (MMH)“ fast am anderen Ende von Nairobi liegt, und eine medizinische Versorgung der dort lebenden Waisen nur schwer möglich ist, soll in dem neuen Gebäude eine weitere kleine Medizinstation entstehen. Darin sollen dann die Kinder aus dem Waisenhaus, aber auch Kranke der umliegenden Areale die Hilfe finden, die sie anderswo nicht bekommen, weil ihnen das Geld fehlt. Möglich ist die fachärztliche Versorgung letztlich nur, weil der Lufthansa-Konzern das Engagement seiner Mitarbeiter unterstützt und sowohl die Mediziner als auch ihr Gerät unentgeltlich von Frankfurt nach Nairobi und zurück befördert.
Flottenchef Doyen, selbst Vater dreier Kinder, kennt Kenia beruflich seit langer Zeit. Vor allem die Armut der Kinder, die ihre Eltern durch die in dem Land nach wie vor herrschende Aids-Epidemie verloren haben, brachte ihn dazu, 2004 – zusammen mit Kollegen – die Initiative Cargo Human Care ins Leben zu rufen. Gerade diese Kinder, die nur selten Aufnahme bei Verwandten finden und besonders häufig Opfer von Gewaltverbrechen werden, sollen nun im neuen „Mothers` Mercy Home (MMH)“ Schutz und Geborgenheit finden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp ., Druckversion als PDF
Von Jochen Remmert
23. November 2007:

Hat schon viele Freunde gefunden: Elisabeth, zusammen mit Paula, der Leiterin des Waisenhauses
Elisabeth beißt in einen Keks. Es ist einer von sechsen, die sie in ihrer linken Hand hält, um sie - einen nach dem anderen - langsam und genüsslich zu verspeisen. Den kleinen Mund voll vom süßen mürben Gebäck, wandelt sich der skeptische Blick in ein strahlendes Lächeln. Ein Schluck aus dem großen Milchbecher in der rechten Hand, ein zweiter Bissen, das Lächeln scheint aus dem Gesicht der Achtjährigen nicht mehr weichen zu wollen.
Es braucht nicht viel, um das Mädchen im pinkfarbenen Strickpullover und die anderen 83 Kinder im Mothers` Mercy Home (MMH) vor Freude strahlen zu lassen. Denn alle Kinder in dem Waisenhaus am Rande Nairobis haben in den wenigen Jahren ihres Lebens schon sehr viel Leid und Härte gesehen, nicht selten Siechtum und Tod der an Aids erkrankten Mütter und Väter unmittelbar miterlebt.
Weder fließendes Wasser noch Strom
Deshalb ist auch das karge Heim aus Wellblechhütten, an dessen Stelle die von Piloten der Lufthansa Cargo und Ärzten gegründete Hilfsinitiative Cargo Human Care mit Hilfe der Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein modernes Haus mit einer Medizinstation bauen will, für diese Kinder ein echtes Zuhause geworden. Dort finden sie die Geborgenheit wieder, die sie spätestens mit dem Tod der Eltern verloren hatten.
Auch Elisabeth und ihre siebzehn Jahre alte Schwester Esther haben ihre Eltern durch Aids verloren. Allerdings hatten die beiden das Glück, von einer Tante liebevoll aufgenommen zu werden. In anderen Fällen werden Aidswaisen in Kenia, zumindest in den Armenvierteln rund um Nairobi, von den verbliebenen Verwandten entweder gar nicht angenommen oder allenfalls geduldet - als Kinder zweiter Klasse.
Bei Elisabeth war das nicht so. Die Tante wohnt in einer Armensiedlung rund zehn Kilometer vom Waisenhaus entfernt. Zwei kleine Räume hat das Haus, die Sperrholzwände sind mit dicker hellblauer Ölfarbe gestrichen. Kalenderbilder, Strohblumen und ein paar alte Stofftiere dienen als Wandschmuck. Auf der Holzkiste, die der Tisch ist, weist eine einfache kleine Spitzendecke darauf hin, dass die Hausherrin es gerne hübsch hat. Doch das Häuschen, das mehr Hütte als Haus ist, hat keinen Stromanschluss, Wasser muss in Kanistern herbeigeschafft werden, Sanitärräume gibt es nicht. Trotzdem ist es blitzsauber, der Fußboden ist frisch gewischt, auf den abgewetzten Polsterstühlen liegen bunte Tücher - alles zusammen ein harter Kontrast zum Schmutz und Staub der Umgebung.
Medikamente helfen der kleinen Elisabeth
Mehr als die kleine Decke kann sich die Erntehelferin, die gerade vom Kirchgang kommt und noch ihr blau geblümtes Sonntagskleid trägt, an Luxus nicht leisten. Einen Ehemann gibt es nicht. Sie musste allein ihre eigene Tochter, dann noch deren Kind und schließlich auch noch Elisabeth und deren ältere Schwester durchbringen, nachdem die Eltern der beiden gestorben waren. Und sie hat diese Aufgabe allem Anschein nach mit Bravour gelöst: Im nächsten Jahr will Esther die Schule abschließen - Ärztin würde sie gerne werden, sagt sie. Doch ein Studium kostet auch in Kenia viel Geld. Für Leute aus den Armenvierteln rund um Nairobi ein schier unerreichbares Ziel.
Elisabeths Tante musste erkennen, dass sie nicht alle Kinder und Enkel würde ernähren können. Zudem stellte sich heraus, dass Elisabeth - anders als ihre gesunde Schwester - bei der Geburt von ihrer Mutter mit dem HI-Virus infiziert worden war und nur mit einer genauen und stetigen Medikamentierung eine normale Lebenswartung haben würde.
Paula Karanja, eine von drei Frauen, die das Mothers` Mercy Home (MMH) mit minimalem Etat im Auftrag der anglikanischen Kirche Kenias betreiben, bot der Tante an, Elisabeth aufzunehmen. Die Kleine habe sich inzwischen sehr gut eingelebt, sagt Karanja. Mit ihrem fröhlichen Wesen sei es ihr besonders leichtgefallen, rasch Freundinnen und Freunde zu finden - ohne den Kontakt zu Tante und Schwester zu verlieren, die sie fast jedes Wochenende sehe. Vor allem aber ist es nun möglich, Elisabeth so zu versorgen, dass sie ein ganz normales Alter erreichen kann und jedenfalls nicht an der Krankheit wird sterben müssen, die ihr Mutter und Vater genommen hat, wie Paula Karanja sagt.
Text: F.A.Z., Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes., Druckversion als PDF
Von Jochen Remmert
08. November 2007:
Eine Kiste mit Habseligkeiten: Aidswaise Peter mit Freund im "Mothers` Mercy Home (MMH)"
Peter schießt nur mit rechts. Sein linkes Bein taugt fürs Fußballspiel nicht. Ein Tumor, so groß wie zwei Handteller eines erwachsenen Mannes, hat den Unterschenkel des Neunjährigen überwuchert. Die Geschwulst ist nicht bösartig, aber so fest, dass sich unterhalb Lymphe staut. Der linke Fuß des Jungen ist deshalb stark geschwollen, er kann nur noch Sandalen tragen. Das alles hält Peter, der zu den 1,7 Millionen Kindern in Kenia zählt, deren Eltern an Aids gestorben sind, nicht davon ab, mit anderen Jungs auf der tonroten Erde des Bolzplatzes nach Kräften zu kicken. Peter und die anderen sind Waisenkinder, sie leben im „Mothers` Mercy Home (MMH)“ in Kiambu, einem jener Orte am Rand der kenianischen Hauptstadt Nairobi, wo die Armut groß und der Alltag immer hart und oft brutal ist.
Sven Sievers, ärztlicher Leiter der von Lufthansa-Cargo-Piloten ins Leben gerufenen Hilfsinitiative Cargo Human Care, macht sich Sorgen um Peter. Er sollte schon längst von dem Tumor befreit sein. Die Hilfsinitiative, für die diese Zeitung ihre Leser um Spenden bittet, würde die Operations- und Krankenhauskosten in Kenia übernehmen. Doch die örtlichen Mediziner schrecken vor dem Eingriff zurück, wie Paula Karanja berichtet. Sie ist eine der drei Frauen, die das Heim mit großer Fürsorge und minimalem Etat im Auftrag der anglikanischen Kirche Kenias leiten. Ein Dutzend Mediziner hätten sie schon angesprochen, ohne Erfolg, sagt Karanja.
Behandlung im Ausland möglichst vermeiden
Dass die kenianischen Ärzte Peter nicht operieren wollen, hat nach Sievers' Überzeugung nichts damit zu tun, dass der Junge - wie viele Kinder in Kenia - bei der Geburt von der Mutter mit dem HI-Virus infiziert wurde. Die Mediziner wüssten offenbar nicht recht, wie sie die beim Herausschneiden des Tumors entstehende Höhlung im Bein des Jungen verschließen sollten, vermutet der Gynäkologe und ehemalige Chefarzt aus Neustadt.
Sievers und Fokko Doyen, Flottenchef der Lufthansa Cargo und Initiator der Hilfsinitiative, haben schon erwogen, Peter mit nach Deutschland zu nehmen, um sein Bein operieren zu lassen. Das ist aber nur der allerletzte Ausweg, wie Doyen sagt. Im Fall eines anderen Jungen, für den in Kenia keine Behandlung zu organisieren gewesen sei, habe sich der Besuch in Deutschland als sehr große Belastung erwiesen. Das Kind habe sich nach der Rückkehr nur schwer wieder eingewöhnen können, erinnert sich Doyen. Deshalb wollen die Leute von Cargo Human Care eine solche Behandlung im Ausland möglichst vermeiden. Zumal es auch in Kenia kompetente Operateure gibt, wie Sievers sagt. Doch in dem afrikanischen Land ist es immer eine Frage von Beziehungen und Geld, ob ein Patient eine gute Behandlung bekommt oder nicht. Der Gummistrumpf, den ein örtlicher Mediziner Peter einfach über den Tumor gezogen hat, verschafft dem Jungen nach Sievers' Ansicht keinerlei Linderung.
Medizinische Eingriffe werden eingekauft
Operationen, wie sie Peter braucht, werden das „Mothers` Mercy Home (MMH)“ und seine Unterstützer aus Deutschland auch künftig in einer kenianischen Klinik sozusagen einkaufen müssen. Die Nachsorge oder fachärztliche Untersuchungen sollen aber demnächst direkt auf dem Gelände des Waisenhauses möglich sein.
Mehr als ein Gast: Lufthansa Cargo-Flottenchef Fokko Doyen im Waisenhaus
Denn Doyen, Sievers und die anderen Helfer von Cargo Human Care haben sich vorgenommen, zusammen mit Paula Karanja und der anglikanischen Kirche den Waisen dort ein neues Zuhause zu bauen, wo zurzeit noch 84 Kinder in Wellblechhütten leben. Außer den Räumen für rund 150 Mädchen und Jungen ist dort eine Medizinstation vorgesehen, in der Fachärzte aus Deutschland ehrenamtlich die Kinder und die Menschen aus den Siedlungen der Umgegend behandeln sollen. So, wie sie es - organisiert von Cargo Human Care - zurzeit schon in einem medizinischen Zentrum am anderen Ende von Nairobi tun. Möglich wird das Engagement der Ärzte und der Airliner, weil die Deutsche Lufthansa die Mediziner samt Gerät unentgeltlich mitnimmt auf ihren Frachtflügen von Frankfurt nach Nairobi und Johannesburg, die täglich gegen ein Uhr nachts am Frankfurter Flughafen starten.
Die ersten Entwürfe eines neuen Zuhauses für Peter und seine Freunde sind schon gezeichnet, doch es wird noch eine Weile dauern, bis in Kiambu ein neues „Mothers` Mercy Home (MMH)“ gebaut ist. Für Sievers und Doyen geht es jetzt erst einmal darum, für Peter doch noch eine Operation zu organisieren - damit er vielleicht irgendwann auch einmal mit links ein Tor schießen kann.
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Von Stephan Toepfer und Jochen Remmert
24. Oktober 2007:
Lebensfreude: Die Kinder im "Mothers` Mercy Home (MMH)" lieben es, zu Musikvideos zu tanzen
Ein Fenster gibt es nicht. Nur durch ein paar münzgroße Löcher im Wellblech fällt Licht in den Raum. Beißender Qualm der Feuerstelle draußen dringt ins Innere und vermischt sich mit dem Geruch von Urin und feuchter Erde. Zwischen Kisten, Lumpen und einem rostigen Fass sind im Halbdunkel Umrisse eines maroden Holzgestells zu erkennen, darauf ein schwarzbrauner Schaumstofffetzen. Das ist Lucys Bett.
Das Mädchen ist 14 Jahre alt, aber Körpergröße und Habitus entsprechen denen einer Achtjährigen. Lucy ist HIV-positiv. Sie trägt von Geburt an den Aids-Virus in sich, der auch ihre körperliche Entwicklung hemmt. Sie gehört zu den rund 1,7 Millionen Aids-Waisen in Kenia, Kinder, deren Eltern an der Immunschwächekrankheit gestorben sind. Viele dieser Kinder leben, wie Lucy, bei Verwandten, die sie allenfalls dulden und nicht selten misshandeln.
Lufthansa-Piloten helfen der Bevölkerung
Lucys jüngerer Bruder Eli hat es inzwischen besser, er lebt im „Mothers` Mercy Home (MMH)“, einem Heim für Aids-Waisen, das Mitglieder der anglikanischen Kirche Kenias am Rande Nairobis mit einfachsten Mitteln errichtet haben. Auch hier sind die Wände noch aus Wellblech. Aber die Zimmer haben Fenster und Steinböden und sind hell und sauber. Zurzeit leben nach den Worten von Paula N. Karanja, die das Heim im Auftrag der Diözese Südkenia betreut, in den einfachen Baracken 44 Mädchen und 40 Jungen im Alter zwischen fünf und 15 Jahren. Sie würde das Heim gerne vergrößern, um mehr Kinder aufnehmen zu können – allen voran Lucy.
Dabei wollen sie Fokko Doyen, Flottenchef der Lufthansa Cargo AG, und seine Mitstreiter von „Cargo Human Care“ unterstützen. In der vor drei Jahren gegründeten Initiative versuchen Piloten und andere Mitarbeiter der Frachtfluglinie zusammen mit Ärzten aus ganz Deutschland, am Rande der Slums in Nairobi denen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können. Die Lufthansa stellt dabei unentgeltlich die Tickets für Ärzte und bisweilen freie Transportkapazität für medizinisches Gerät und andere Hilfsgüter zur Verfügung – auf ihrer täglichen Verbindung von Frankfurt nach Nairobi.
Neben der fachärztlichen Versorgung geht es nun darum, Geld zu sammeln, um an die Stelle der Wellblechbaracken des „Mothers` Mercy Home (MMH)“ stabile Steinhäuser zu bauen. Dafür bittet diese Zeitung in ihrer diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ um Spenden. Inzwischen sind schon erste Entwürfe für ein Haus gezeichnet, in dem nicht nur Platz für rund 150 Kinder und deren Betreuer vorgesehen ist, sondern auch eine kleine medizinische Station, in der der ärztliche Leiter der Initiative, Sven Sievers, und seine Kollegen die Kinder, aber auch Männer und Frauen aus den umliegenden Armenvierteln, ärztlich versorgen wollen.
Lebenssituation verschlechtert sich
„Wer kein Geld hat, stirbt schnell in Kenia“, sagt Sievers. Tatsächlich verschlechtert sich in dem Land nach Erkenntnissen der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn die Situation für einen großen Teil der Bevölkerung immer weiter, obwohl es keineswegs zu den ärmsten Ländern Afrikas zählt. Mehr als die Hälfte der gut 38 Millionen Kenianer lebt dennoch inzwischen unterhalb der Armutsgrenze, die Kindersterblichkeit steigt ebenso wie die Zahl der Analphabeten, die Lebenserwartung der Menschen sinkt.
Paula Karanja ist sehr in Sorge um Lucy, und das nicht nur deshalb, weil die HIV-Infektion des Kindes in dem Heim sehr viel besser behandelt werden könnte. Sie deutet an, dass das Mädchen aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso misshandelt wird, wie früher sein Bruder Eli, bevor dieser ins „Mothers` Mercy Home (MMH)“ gelangte, dort medizinische Hilfe und Geborgenheit fand. Bestärkt werden Karanjas Befürchtungen durch einen Vorfall vor wenigen Wochen:
Weil man den Kindern des „Mothers` Mercy Home (MMH)“ eine Verbindung zum Rest ihrer Familie und ihrer Herkunft erhalten will, werden sie in den Schulferien zu ihren Verwandten gebracht – so auch Eli. In einem unbeobachteten Augenblick ergriff der Junge aber die Flucht aus dem fensterlosen Wellblechverschlag in der Hütte seines Onkels. Zwei Tage und zwei Nächte später tauchte er in seinem rund 25 Kilometer entfernten neuen Zuhause wieder auf – im „Mothers` Mercy Home (MMH)“.
Text und Bildmaterial: F.A.Z., Druckversion als PDF
Von Stephan Toepfer und Jochen Remmert
15. Oktober 2007:
Eli trägt das HI-Virus in sich: Zu der Spezialistin Tessa Lennemann fasst er rasch Vertrauen
Der Beistand für schwer an Krebs erkrankte Menschen im Rhein- Main-Gebiet und für Waisenkinder in Afrika steht im Mittelpunkt der diesjährigen Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Mit dem Geld, um das die Rhein-Main- Redaktion ihre Leser bittet, werden die Stiftung „Leben mit Krebs“ und der Verein „Cargo Human Care“ gefördert.
Die Stiftung rund um die Chefärztin der Klinik für Onkologie und Hämatologie am
Frankfurter Nordwestkrankenhaus, Elke Jäger, hat sich zur Aufgabe gemacht, die
Lebensqualität von an Krebs erkrankten Menschen zu verbessern. Dazu gehört,
gegen die mit einer Krebserkrankung verbundenen Depressionen vorzugehen, den
Patienten zu helfen, die belastende Therapie besser zu verkraften und wieder
Selbstvertrauen zu gewinnen. Diesen Zielen dienen vor allem drei Projekte, die mit
Hilfe der Spendeneinnahmen ausgebaut werden sollen.
Spenden dienen direkt dem Ausbau der Projekte
Zum Ersten werden die Patienten ermuntert, je nach ihrer Leistungsfähigkeit Sport zu treiben. Veranstaltet wurden bereits mehrere Ruderregatten, am Nordwestkrankenhaus gibt es eine eigene Sportgruppe. Jäger möchte das Angebot gerne ausbauen – auch an anderen Krankenhäusern. „Wichtig ist, dass die Patienten wissen, vieles tun zu können, obwohl sie krank sind“, hebt die Ärztin hervor.
Das gilt nicht nur für sportliche Aktivitäten, sondern auch für Urlaubsreisen, die für
Patienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung nicht mehr selbstverständlich sind.
Um ihnen dennoch einen möglichst entspannenden Urlaub bieten zu können, hat die
Stiftung an bisher drei Orten im Bayerischen Wald, an der Ostsee und auf Mallorca
ein Netz mit Ärzten geknüpft, deren Dienste die Kranken in Anspruch nehmen
können. Mit Hilfe der Spenden soll auch dieses Angebot erweitert werden.
Die an Krebs erkrankte Eva Jenschke wird im Frankfurter Nordwestkrankenhaus untersucht
Drittens schließlich hat die Stiftung gemeinsam mit dem Städel das Projekt „Kunst zum Leben“ initiiert. Auch hierbei steht im Zentrum, dass Patienten mit krankheitsbedingten Belastungen besser fertig werden können. Geplant sind Konzerte und Bildbetrachtungen, aber auch Kurse für eigenes kreatives Gestalten. Eine erste Reihe mit sechs Veranstaltungen beginnt im November. Die Spenden werden nicht dem Stiftungskapital zugeführt, sondern dienen direkt dem Ausbau der einzelnen Projekte. Gegründet wurde die Stiftung im Jahr 2005, ihren Sitz hat sie in Wiesbaden.
Unterstützung im Kampf gegen Aids
Mit dem Geld der diesjährigen Spendenaktion soll aber nicht nur die Lebenssituation Krebskranker im Rhein-Main-Gebiet, sondern auch die von Waisenkindern in Nairobi verbessert werden. Obwohl Kenia nicht zu den allerärmsten Ländern Afrikas zählt, verschlechtert sich die Situation dort nach Auskunft der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn für einen großen Teil der Bevölkerung stetig. Mehr als die Hälfte der 38 Millionen Kenianer lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze, Kindersterblichkeit und Analphabetenrate steigen, die Lebenserwartung sinkt. Im Land herrscht nach wie vor eine Aids-Epidemie. 1,7 Millionen Kinder leben ohne Eltern. Die „Aids-Waisen“ tragen häufig selbst das Virus in sich - sie wurden im Mutterleib infiziert.
Mit Hilfe der Spenden soll ein Heim für Aids-Waisenkinder am Rande eines Slums in Nairobi gebaut und der Kampf gegen diese Krankheit durch zusätzliche Untersuchungsmöglichkeiten und durch eine fachärztliche Versorgung von Slumbewohnern, unter denen die Infektionsrate besonders hoch ist, verstärkt werden. Diese Ziele verfolgt der Verein „Cargo Human Care“, den Lufthansa-Cargo-Piloten und deutsche Ärzte ins Leben gerufen haben. Die Frachtflieger der Lufthansa steuern täglich von Frankfurt aus die kenianische Hauptstadt an. Vor einigen Jahren sind Piloten der Cargo-Flotte auf eine mit einem einzigen Arzt besetzte Medizinstation am Rande des Slums Buru Buru in Nairobi aufmerksam geworden, später auf ein wenige Kilometer entferntes Waisenhaus namens „Mothers` Mercy Home (MMH)“, in dem Kinder zwischen Wellblechwänden leben.
Die Flieger beschlossen zu helfen und gewannen rasch Ärzte für diese Idee. Seither
fliegen immer wieder Mediziner mit den Frachtfliegern um Flottenchef Fokko Doyen
in ihrer Freizeit nach Nairobi, um für einige Tage Slumbewohner zu behandeln.
Welche fachärztliche Versorgung sinnvoll ist, entscheidet dabei vor allem der
afrikaerfahrene Arzt Sven Sievers. Mit der Frankfurterin Tessa Lennemann steht
Cargo Human Care zudem eine Aids-Expertin zur Seite, die im HIV-Centre der
Frankfurter Universitätsklinik arbeitet. Sie sieht in dem von den Piloten initiierten
Projekt nicht nur die Chance, Leiden zu lindern, sondern auch eine Möglichkeit, den
einzigen im Medical Centre tätigen kenianischen Arzt im Kampf gegen Aids zu
unterstützen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann., Druckversion als PDF
